Wie viel iPhone verträgt mein Kind – Erziehung in einer digitalen Welt

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Digitale Geräte geraten immer früher in Kinderhände.

Es ist inzwischen offensichtlich, dass keine Facette unseres Lebens nicht irgendwie von dieser Entwicklung verschont wurde. Wir befinden uns inmitten einer grossen kulturellen Revolution. Wir können uns dieser Entwicklung nicht verschliessen und unseren Kindern verbieten, diese Geräte zu benutzen. Seit vielen Jahren sind die digitalen Medien auch ein Teil des Lehrplans. Wir müssen dieser neuen Welt ins Auge schauen, es gibt keinen Weg zurück.

Gerade weil diese Entwicklung noch so neu ist, fehlt uns jedoch das Wissen und die Weisheit im Umgang damit.

 

Digitale Eingeborene

Interessant ist, dass die heutigen Jugendlichen die erste Generation ist, welche mit dieser Technologie aufgewachsen ist. Die amerikanische Soziologin Sherry Turkle hat ein sehr lesenswertes Buch zu diesem Thema veröffentlicht. Sie schreibt, dass die Jugendlichen von heute die digitalen Eingeborenen, wohingegen wir Erwachsenen die digitalen Einwanderer seien. Für uns ist diese Welt ziemlich neu, unsere Kinder hingegen wachsen damit auf, ohne die Welt anders zu kennen. Und dann fragen wir uns, welche Rolle die digitalen Medien in ihrem Leben spielen sollten….

Als Eltern müssen wir aber unbedingt die Folgen dieser Entwicklung im Blick behalten und uns fragen, wie wir mit diesen Werkzeugen umgehen sollten.

Die wichtigste Frage muss lauten: Ist es das, was unsere Kinder BRAUCHEN?
Die Antworten darauf sollten die Grundlage für unsere Entscheidungen im Umgang mit diesen durchaus auch wunderbaren Geräten bilden.

 

Wie beeinflussen die neuen Medien den Alltag unserer Kinder?

Winston Churchill hat mal gesagt, dass wir die Gebäude formen, und im Gegenzug die Gebäude uns formen. Die Vorstellung, dass diese Werkzeuge uns formen ist ein interessanter Aspekt: Wie wird diese digitale Welt unsere Kinder formen?

Hierzu Sherry Turkle: Viele unserer digitalen Geräte sind uns nicht notwendigerweise behilflich, aber sie sind zu einem Mittel geworden dafür, wie wir miteinander in Beziehung treten. Sie beeinflussen inzwischen auch massgeblich unser emotionales Leben.

Auch stellt sich die Frage, welche Rolle wir als Erwachsene im Leben unserer Kinder spielen. Werden wir noch gefragt, wenn das Kind doch alles googeln kann? Können wir noch eine Orientierung geben und ihnen etwas bedeuten?
Nicht selten ist es inzwischen sogar umgekehrt: Wir holen uns Rat bei unseren Kindern, weil sie ja die eigentlichen Experten sind (Eingeborenen).

Zudem kann ein Computer als perfekter Babysitter dienen. Es gibt keine Langeweile mehr, Kinder können sich nun selber unterhalten.

Und wenn ein Jugendlicher heute 500 Facebook-Freunde hat, so fehlt uns der Überblick über deren Freundeskreis. Früher waren es die Kinder in der Nachbarschaft und wir konnten Einfluss nehmen. Die Gemeinschaft war durch Räume beschränkt.

 

Videospiele

Was unterscheidet die heutigen Videospiele von den traditionellen Brett- und Kartenspielen?
Frühere Spiele verbanden auch immer wieder Generationen miteinander. Kinder, Erwachsene, Eltern und Grosseltern sassen gemeinsam an einem Tisch. Videospiele versagen darin, die Generationen miteinander zu verbinden.

Auch erlebt ein Kind bei Videospielen selten die Erfahrung des Verlierens, des Verlustes und Mangels. Es gibt endlos viele Leben. Wenn ich Fussball als Videospiel spiele, fehlt mir auch der Austausch mit meinen realen Mitspielern, mit dem Trainer.
Zudem wird eine gewisse Lebenstüchtigkeit nicht wirklich gefördert: Lernen, dem Trainer zuzuhören, Anweisungen umsetzen, etc.

Videospiele verderben den Appetit auf lebendige Nähe. Das Gewinnen und Punkten wird zu einer Sucht, zum alleinigen Ziel.

 

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Zusammen alleine: Die sozialen Netzwerke

Viele der heutigen digitalen sozialen Kontakte verlaufen horizontal statt vertikal. SMS werden fast immer nur an Gleichaltrige verschickt, die Erwachsenen spielen bei dieser Form der Kommunikation eine marginale Rolle.
Trotz der unzähligen virtuellen Freundschaften kommen auch hier die vertikalen, Generationen verbindenden Freundschaften kaum zum Tragen.

Dadurch, dass die Kontaktaufnahme und der Austausch immer mehr ausserhalb eines realen Kontextes stattfindet, verlieren wir das Gefühl für die Wirkung von dem was wir kommunizieren. Da die lebendige Reaktion des Gegenübers fehlt, werden Respekt und Schamgrenzen abgebaut. Untersuchungen haben gezeigt, dass Jugendliche beim Mailen und Chatten auffällig hemmungslos sind – ihnen fehlt die Mimik des Gegenübers, der Augenkontakt.
Die inflationär eingesetzten Emoticons sind der verzweifelte Versuch, möglichst viele Emotionen mit zu versenden.

Dies führt zu einem ganz bestimmten Umgangston untereinander. Da uns das reale Gegenüber fehlt, werden wir schneller ausfällig und beleidigend. Viele Kommentarspalten geben davon ein lebendiges Beispiel. Manche Online-Zeitungen haben aus genau diesem Grund angefangen, bei manchen Artikeln die Kommentarfunktion zu deaktivieren. Es ist unglaublich, wie Kommentatoren über Autoren herziehen, diese verachten, verspotten und verhöhnen. Würden sie das dieser Person sagen, wenn sie ihr gegenüber sitzen würden? Vermutlich nicht.
Die Online-Welt kann eine sehr verletzende Welt sein und dramatische Fälle von Mobbing oder sogar Suizid hängen heute immer auch mit den sozialen Netzwerken zusammen.

 

Ist diese Entwicklung der Reifwerdung und Individualisierung Ihres Kindes dienlich?

Häufig stellen sich die Eltern die Frage, wie lange denn ihr Kind vor dem Bildschirm verbringen dürfe, ob denn ein Facebook-Profil sinn-voll sei. Diese Frage trifft jedoch nicht die Wurzel des Problems.
Die Frage muss viel mehr lauten: Hilft es dem Kind, ein Individuum, sich selbst zu werden?
Diese Frage kann uns begleiten und führen, heute wie auch schon vor hundert Jahren.

Die Frag eist nicht so sehr, ob die vor dem Bildschirm verbrachte Zeit sinnvoll eingesetzt wird, sondern vielmehr, was während dieser Zeit verloren geht…

 

Eine gesunde Entwicklung ist immer auch eine Frage des richtigen Zeitpunktes.

Alles zu seiner Zeit – und aus entwicklungspsychologischer Sicht ist später oft besser als früher!
Sowie es einen richtigen Zeitpunkt für die Nachspeise gibt, ein bestimmtes Alter, um sexuell aktiv zu werden, sich ein Glas Wein zu genehmigen, ein Auto zu lenken, so gibt es auch für den Umgang mit den digitalen Medien den richtigen Zeitpunkt:

… NICHT BEVOR im Kind eigene Ideen und Fragen, seine Meinungen und seine Kreativität aufkeimen

… NICHT BEVOR ein Durst nach Wissen vorhanden ist

… NICHT BEVOR Ihr Kind die Fülle an Informationen auch verdauen und sinnvoll nutzen kann

Wenn zum Beispiel Ihr Sohn einen Zaubertrick lernen will und dazu Informationen auf dem Netz sucht, so ist dies wunderbar. Ein Wunsch, ein Verlangen, eigene Fragen sind hier der Beweggrund, das Internet zu nutzen.

Als Vergnügen, als verdiente Pause, sind Videospiele absolut ok! Aber es darf kein Ersatz für irgendetwas sein. Auch hier gilt: je später, desto besser.

Videospiele als Unterhaltung sollten erst erlaubt werden,

… NACHDEM die Fähigkeit entwickelt wurde, mit Mangel, Verlust und Scheitern umzugehen und man nicht länger gewinnen MUSS.

… NACH Zeiten der erfüllenden Interaktion mit den für das Kind verantwortlichen Erwachsenen

 

Die Rolle der Eltern – Ein PUFFER zur digitalen Welt

Glauben Sie daran, dass Ihr Kind SIE braucht. Von uns können sie lernen, Beziehungen herzustellen, Zugang zu anderen Welten zu bekommen…
Untersuchungen zeigen, dass Kinder, welche eine tiefe, einfühlende Beziehung zu ihren Eltern haben, seltener zu digitalen Medien greifen, um damit ihre Sehnsucht nach Kontakt zu stillen.

Kein Gerät kann uns ersetzen!



Ein paar Vorschläge zum sinnvollen Umgang mit den digitalen Medien

Halten Sie Versuchungen von Ihrem Kind fern.
Für Kinder (und natürlich auch uns Erwachsene) ist es häufig sehr schwierig, einen angemessenen Umgang mit den neuen Medien zu finden. Dessen Gebrauch kann süchtig machen! Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche bis zu 3000 SMS pro Monat versenden, meistens nach der Schule, von 16-22 Uhr. Manche schlafen mit ihrem Handy unter dem Kissen, weil sie auf Nachrichten warten!
Als Lehrer erfahre ich auch immer wieder von den Eltern oder Schülern selbst, dass sie eigentlich die Hausaufgaben erledigen möchten, dies aber wegen ihrer Abhängigkeit von den Geräten nicht schaffen.

Schützen Sie Ihr Kind vor einem zu häufigen Umgang mit digitalen Medien und definieren Sie klare Regeln:
– Ein iPhone hat am Tisch nichts verloren.
– Zu welchen Tageszeiten darf Ihr Kind Zugang zu welchen Geräten haben?
– Müssen sie ihre Geräte zu bestimmten Zeiten abgeben?

Sie mögen einwenden: „Ja, aber meine Kinder werden revoltieren: ‚Die anderen Kinder dürfen…..!‘ “ Antworten Sie ruhig und bestimmt: „Mag sein, aber so möchten wir unser Familienleben gestalten.“ Auch vor dem Aufkommen der digitalen Medien gab es klare Re-geln, zum Beispiel im Umgang mit dem Fernseher.

Gehen Sie die zugrundeliegende Gleichaltrigen-Orientierung an.
Oft sehen wir nur die Geräte. Darunter liegt aber das Bedürfnis des Kindes und Jugendlichen, mit ihren gleichaltrigen Freunden verbunden zu sein. Der Computer und das Smartphone sind da bloss das Mittel zum Zweck.
Anstatt dass wir dem exzessiven Verhalten mit rigiden Verboten begegnen, müssen wir den uns zustehenden Platz im Leben des Kindes zurückgewinnen. Man kann die Geräte nicht einfach wegnehmen, ihr Kind würde sehr wütend werden und es wäre eher ein Hindernis, um die Beziehung zu Ihrem Kind zu verbessern. Man kann es mit ihnen besprechen, ohne über die Geräte und deren Gebrauch zu streiten.

Werden Sie kreativ. Vereinbaren Sie z.B. Auszeiten von den Geräten, z.B. am Wochenende, damit sich die Möglichkeit bietet, mehr mit Ihrem Kind zusammen zu sein: In Wärme, Freude, Vergnügen, gutem Zuhören, dem Ermutigen von eigenen Ideen und Plänen.
Dies ist unbestritten herausfordernd, aber es lohnt sich auf jeden Fall dafür zu kämpfen.
Je mehr unsere Kinder an uns gebunden sind, umso genährter sind sie und suchen keinen Ersatz. Sie wissen, wo sie ihre richtige Nahrung bekommen. Auch werden sie den Unterschied zwischen sättigenden und bloss beruhigenden Bindungen immer deutlicher herausspüren.

Gehen Sie mit gutem Beispiel voran
Haben Sie auch schon beobachtet, wie z.B. auf dem Spielplatz viele Eltern ununterbrochen auf den Bildschirm ihres Smartphones glotzen, anstelle, wie früher, mit den Kindern oder anderen Eltern zu sprechen?
Weshalb sollten sich unsere Kinder später anders verhalten? Den Umgang mit den digitalen Geräten Lernen sie eben auch von uns!

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