Let The Children Play!

 little girl in sandboxDas freie Spielen ist entscheidend für eine gesunde frühkindliche Entwicklung. Der vorzeitige Druck auf Kinder, zu lernen und sich zu sozialisieren, behindert das natürliche Spielen und so entwickelt es sich immer mehr zu einer vom Aussterben bedrohten Tätigkeit.

In einer Welt, in welcher Resultate, Planung und Zielsetzungen immer wichtiger werden, wird der Begriff des Spielens zunehmend missbraucht. Die Kinder sollen voran kommen, das Spielen dient allenfalls noch als Lückenfüller. Es wird als etwas Unproduktives, als Zeitverschwendung angesehen, bis die Kinder bereit sind für das wirklich Wichtige: die Arbeit.
Auch in den Schulen und Kindergärten nimmt die Tendenz weltweit zu, das Spielen dem frühen Lernen zu opfern.

Der Druck auf die Eltern, so früh wie möglich die Talente ihrer Sprösslinge zu entdecken und diese entsprechend zu fördern, wächst.
Zudem verlieren wir die Freiräume für das freie Spielen, da wir immer in Eile sind und den Alltag des Kindes mit unendlich vielen Aktivitäten vollstopfen.
 

Damit ein Kind optimal wachsen kann, muss es frei von Arbeit sein! Spielen ist nicht ‚dringend‘, es ist wichtig! In unserem Alltag nimmt aber immer mehr das Dringende überhand.
Wir wollen Resultate, sind immer im Arbeitsmodus. Spiel tut seine Arbeit leise, unsichtbar, versteckt. Man sieht keine sofortigen Resultate. Die Früchte kommen, wenn die Zeit reif ist.

Spiel ist ein Teil des grossen Plans der Entwicklung. Etwas, das spontan geschieht, sofern die Bedingungen stimmen. Spiel ist weit davon entfernt, bedeutungslos, planlos und unproduktiv zu sein.
Es ist der Weg der Natur, um das Potenzial des Kindes zu realisieren.

Anstatt unsere Kinder zum Erwachsenwerden zu drängen, würden wir gut daran tun, sie mit Ruhe zu versorgen und dem natürlichen Prozess zu vertrauen.

Das Verbot der Kinderarbeit wurde mittels der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) von den meisten Industrienationen ratifiziert. Sie hält u.a. fest, dass ein Kind dann als arbeitend bezeichnet wird, wenn die Ergebnisse dieser Arbeit für den Markt bestimmt sind. 
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag: Die Frage stellt sich durchaus, ob unsere Kinder wirklich frei sind von ‚marktbestimmender‘ Arbeit.

Was ist Spiel? 
Das Wort ‚Spiel‘ ist sehr alt und wird in vielen Bereichen verwendet: Im Sport, beim Kartenspiel, beim Klavierspielen, im Ballspiel, dem Spiel eines Radlagers oder eines Gelenks.
In der Entwicklungspsychologie nimmt das Spielen einen wichtigen Platz ein, es existiert eine Unmenge von Literatur darüber.
Was aber genau ist die Essenz von Spielen? Welche Art von Spiel müssen wir im Leben unserer Kinder unterstützen, damit eine gesunde Entwicklung möglich wird?

Spiel ist das Gegenteil von Arbeit.

 Arbeit ist alles, wozu der Körper gezwungen wird.
Spiel ist alles, wozu der Körper nicht gezwungen wird.

 Mark Twain,  1880

Arbeit ist ergebnisorientiert. Man arbeitet auf etwas hin, ist zielgerichtet und hat einen Plan.
Das Spiel hingegen braucht keine Verstärker und Motivierer, sonst wäre es Arbeit. Es ist spontan und ohne Absicht. Dennoch können grossartige Erkenntnisse beim Spiel gewonnen werden.
Das Spiel befindet sich
‚ausserhalb der Realität‘.

Spielen bedeutet ein Gefühl von Freiheit und Freude. Es ist ein Sprung aus den Grenzen des wirklichen Lebens, ein Sprung der Freude und des Vergnügens, ein Sprung zur Erkundung von Umgebungen oder „Rahmenbedingungen“ – wie ein ins Leben gepflanzter Traum!

„Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‚Andersseins‘ als das ‚gewöhnliche Leben‘.“

Huizinga, 1938

 

Pieter Breughel

Wenn wir dem Kind eine Geschichte erzählen, wenn es einen Film anschaut, so ist dies nicht Spiel. Das Spiel braucht keine Stimulation von Aussen – es ist ein Prozess, der von Innen nach Aussen abläuft. Das ganze Kind wird miteinbezogen, ist engagiert, entdeckt neue Welten.

Nach dieser Definition sind die meisten Videospiele kein Spiel!

Videospiele können durchaus zur isolierten Verbesserung spezieller kognitiv-motorischer Fähigkeiten führen. So können die Reaktionszeiten, die sensorisch-motorische Koordination und die 3D-Wahrnehmung trainiert werden. Es gibt jedoch keine Beweise für eine Erhöhung von Intelligenz und Reife. Die Entwicklungsnachteile überwiegen bei weitem.

Dabei geht es weniger um die Computerspiele an sich, sondern vielmehr darum, was das Kind während dem Gamen nicht hat: Interaktion mit anderen, Beziehung, natürliches Spiel… Zudem können Videospiele eine Zwanghaftigkeit auslösen und süchtig machen. Das authentische Spiel macht nicht süchtig – es nährt und erfüllt das Kind!

Welche Rolle spielt das Spielen für die Entwicklung des Kindes?
Beim Spielen kommt das Selbst zum Ausdruck. Wünsche, Fantasien, tiefe Emotionen und Interessen werden genährt. Es ist ein Fliessen, ein Überquellen von Innen nach Aussen und unerlässlich für die Gesundheit und das Wohlsein des Kindes. Oft ist es der erste Ort, wo ein Kind sich zeigt.

Wir müssen das Ausdrücken, was in uns ist, sonst werden wir krank.

Sigmund Freud, 1905

Das Spiel ist die Sprache der Kinder. Kinder, die nicht spielen, werden krank.

 Donald Winnicot, 1971

In unserem Spiel offenbart sich unser wahres Selbst.

 Ovid, 10 v. Chr.

WAS Kinder spielen, mag uns komisch vorkommen, es hat aber immer einen Sinn. So kann z.B. das Spielen mit Gegenständen den Boden für das dreidimensionale Denken, das Abstrahieren bereiten. Der bekannte Schweizer Entwicklungsforscher Jean Piaget hat in diesem Bereich bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen.
Auch die Kreativität und viele Emotionen des Kindes zeigen sich im Spiel zum ersten Mal.

Die Generalprobe für’s Leben findet im Spiel statt!
Das Spiel ist der Vorläufer vom Denken und Problemlösen. Es ist das Einüben von ‚erwachsenen‘ Fähigkeiten. Das Kind übt das Leben ohne Verantwortung und erfährt erstmals ein Gefühl der eigenen Wirkmächtigkeit.

Welche Rolle spielt das Spielen bei der Entwicklung des Gehirns?
In den 70-er Jahren ging die Hirnforschung davon aus, dass das Gehirn ein riesiger Empfänger von Input und Stimulation sei. Von da an war man bestrebt, das Kind möglichst früh und möglichst vielen äusseren Stimulationen auszusetzen! Man war davon überzeugt, dass sich das Gehirn in einem ‚reichhaltigen‘ Umfeld besser entwickeln würde.
Inzwischen weiss man, dass relativ wenige Neuronen für die Verarbeitung der äusseren Eindrücke zuständig sind. Die wichtigsten Prozesse geschehen im Verborgenen, innerhalb der neuronalen Verbindungen des Gehirns.

Das ‘echte’ Spielen programmiert das Hirn-Problemlösungs-Netzwerk, bewirkt eine positive Hirnentwicklung und entwickelt die Fähigkeiten, die das Gehirn braucht, um Anweisungen zu folgen und Probleme zu lösen.
Das eindrucksvollste Gehirnwachstum erfolgt, wenn Spielen im Kontext einer  warmen, zwischenmenschlichen Verbindung erfolgt.

Der Neurologe David Nash verglich spielende Kinder mit solchen, die kaum Gelegenheit hatten zum Spielen, und stellte fest, dass die Gehirne der nicht-spielenden Kinder um 20-30% kleiner waren!

Aufschlussreich ist auch eine Langzeitstudie aus Deutschland, die man an zwei Kindergarten-Typen durchgeführt hat: In der ersten Kindergarten-Gruppe durften sich die Kinder dem natürlichen Spielen hingeben, bei den Kindern der anderen Gruppe stand die frühe Lernförderung im Fokus. Fünf Jahre später, in der vierten Primarschulklasse, wurden der Wissensstand und die Lernfähigkeit der Kinder beider Gruppen evaluiert: Die vormals ausschliesslich spielenden Kinder schnitten in SÄMTLICHEN Schulfächern besser ab! 

Frühförderungs-Programme funktionieren vor allem dort, wo die Eltern unfähig sind, ein für die Entwicklung des Kindes förderliches Umfeld bereitzustellen. Statistiken, die aufzeigen, dass frühe, ausserhäusliche Beschulung gut ist, beziehen sich nur auf eine bestimmte Gruppe von Kindern bzw. Familien. Sie dürfen nicht auf die Allgemeinheit übertragen werden.

Welche Implikationen haben diese Erkenntnisse für die frühe Erziehung?
Die beste Vorbereitung für Kinder auf das anweisungsorientierte Lernen in der Schule ist NICHT das möglichst frühe Lernen, sondern genau das  Gegenteil: Dem Kind soll reichlich Gelegenheit gegeben werden für echtes Spiel. Das echte Spielen, nicht der frühe Unterricht, sollte der Schwerpunkt in allen Kindergärten und Vorschulen sein. Je früher wir mit dem schulischen Lernen anfangen, desto weniger Gehirn haben wir zur Verfügung, um damit zu arbeiten. Nicht früher, sondern SPÄTER ist besser!

Dies widerspricht aber völlig der gängigen Norm, die sich weltweit ausbreitet!

Im Spiel werden die Gehirne aufgebaut, die später in der Schule benötigt werden. In der Schule arbeitet das Kind mit dem ‚fertigen‘ Gehirn.
Jean Piaget: Das Denken wird über das Spielen gestülpt.

Was können wir als Eltern tun? 
Bereits vor 250 Jahren, im Jahr 1762  schrieb J. J. Rousseau in seinem Buch ‚Emile‘, einem der ältesten und berühmtesten Bücher über Erziehung, dass die Hauptaufgabe der Eltern darin bestehe, die Kinder vor dem unnötigen und schädlichen Druck der Gesellschaft zu beschützen. Heutzutage jedoch vertreten die Eltern immer mehr die Ansprüche der Gesellschaft und leiten so den sozialen Druck direkt an ihr Kind weiter. Anstatt dass die Eltern sagen würden: „Langsam, langsam! Mein Kind braucht Raum und Freiheit, um spielen zu können. Es sollte so lange wie möglich unbelastet von all diesen Anforderungen sein. Lasst die Natur ihre Arbeit tun!“

„Spontanes Spiel ist der köstliche Tanz der Kindheit,
der Geist und Körper stärkt und die Seele nährt.  

 Dr. Joe L. Frost, 2009

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